Reviews > Neue Zürcher Zeitung - Phono-Spektrum 19.02.2003
In Frankreich wird das Prazák-Quartett bisweilen noch als ein "jeune quatuor" angekündigt. Dabei wurde es vor genau dreissig Jahren von Studenten des Prager Konservatoriums gegründet und hat - bis auf die Ablösung des namengebenden Cellisten Josef Prazák durch Michal Kanka 1986 - seit 1974 keinen Besetzungswechsel mehr gekannt. Beachtlichen Umfang weist inzwischen die Diskographie des Quartetts auf.
Vielleicht beruht der in Anbetracht seiner herausragenden Leistungen relativ niedrige Bekanntheitsgrad des Prazák-Quartetts - zumal in deutschsprachigen Landen - ja einfach auf dem Umstand, dass es bis zum Fall des Eisernen Vorhangs im Westen kaum je auftreten konnte. Aus diesem Grund jedenfalls wandten sich die Mitglieder des Quartetts vor zehn Jahren an die Pariser
Kammermusik-Koryphäe Pierre E."Barbier, den sie seit ihrem ersten Preis am Concours international d'Evian (1978) kannten. Barbier hatte seit 1992 erstrangige Mitschnitte des tschechischen Radios mit Künstlern wie Ancerl, Benedetti Michelangeli, Gilels, Mrawinsky, Richter und David Oistrach veröffentlicht und 1997 das Label Praga Digitals gegründet, bei dem Ensembles wie das Guarneri- Trio Prag, das Tschechische Nonett, das Kocian- und eben auch das Prazák- Quartett unter Vertrag stehen. Barbier wurde zum Directeur artistique der Prazáks und hat mit ihnen seitdem knapp 25 CD herausgebracht, von denen praktisch jede in die Sammlung eines jeden Kammermusikfreundes gehört.
Als Erstes nahmen die Musiker Mozarts "Preussische" Quartette auf. Man mag ihr Mozart-Spiel ein wenig altmodisch finden: Sie kultivieren einen vollen, runden, süssen Ton, spielen Moll-Eintrübungen stets più piano, unterstreichen Strukturabschnitte durch Ritardandi, lassen dafür aber viele
Wiederholungen aus. Bemerkenswert jedenfalls, mit welcher Akribie die Vorgaben der Partitur umgesetzt werden - etwa die Differenzierung zwischen Legato, Nonlegato und den seltenen Staccato-Passagen - und wie flüssig die für den späten Mozart charakteristische durchbrochene Arbeit hier tönt. (Es steht zu vermuten, dass diese Genauigkeit beim Lesen des Notentexts auch dem Einfluss des LaSalle-Quartetts zu verdanken ist, mit dem die Prazáks 1985 dank einer speziellen Ausreisebewilligung in Cincinnati studieren durften.) Interpretatorische Eigenständigkeit beweisen etwa die Verortung des Finales von KV 575 zwischen den Polen "strenge Zopfigkeit" und "lyrisches Laisser-aller" und der betont trockene, schabende Charakter der nah am Steg ausgeführten Begleitung im Trio von KV 589. Freier und zupackender klingen die Einspielungen der ersten drei Stücke von Haydns Opus 76; die vier Jahre später aufgenommene zweite Hälfte der Quartettserie könnte in ihrer leuchtenden, spätsommerlichen Fülle gar die schönste Einspielung dieser Wunderwerke bilden.
Seit 1992 beschäftigen sich die Prazáks auf Barbiers Anraten hin intensiv mit dem Wiener Repertoire, insbesondere mit der Zweiten Wiener Schule. Auch "strenge" Partituren wie Schönbergs Streichtrio oder Weberns Opus 28 erfüllen die Musiker mit süsser Herbe und sprechender, ja glühender Erregtheit. Erst recht gilt das für Bergs schwieriges Quartett op."3, das sie hochexpressiv angehen, wie unter emotionalem Überdruck, gleichzeitig aber - im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen - unter einen grossen Bogen zu bringen vermögen. Das rührt daher, dass die Musiker rhythmisch zwar frei spielen, aber doch immer so, dass der Puls spürbar bleibt, und dass sie bei aller dynamischen und klanglichen Differenziertheit stets ein gewisses Mass halten - so gelangen selbst kleine Gesten zu grosser Wirkung. Bergs "Lyrische Suite" führt einerseits die exzeptionelle Spielkultur des Ensembles vor Ohren, zeigt zugleich aber auch eine - relative - Beschränkung auf: Der herrlich süsse, dunkel timbrierte und zugleich volle und feinnervige Ton mag da gelegentlich gebrochenere Nuancen verunmöglichen. Die stärker in der Brahms-Tradition verwurzelten Quartette in D-Dur und d-Moll von Schönberg und die Opera 4 und 25 von Zemlinsky hingegen klingen unter den Händen der Prazáks so blutvoll und farbenreich wie sonst nur selten.
In ihrem Urelement sind die Musiker natürlich im Böhmisch-Mährischen Repertoire. Kaum je hört man Dvoráks "Amerikanisches" Quartett so blühend, so innig und rein, kaum je atmen die Terzen und Sexten in Janáceks "Intimen Briefen" so absolut synchron und zugleich frei, kaum je ertönt Smetanas Quartett "Aus meinem Leben" mit solch innerem Feuer, ohne alles Schmachtende oder Reisserische. Erstaunlich und beglückend aber ist, dass die Prazáks 1999 eine Gesamtaufnahme der Beethoven- Quartette in Angriff genommen haben, von denen zehn heute eingespielt sind - auf höchstem Niveau. Ein Blick in die Partitur zeigt es: Die Musiker beachten jede Spielanweisung und arbeiten wichtige Strukturelemente heraus (die Umkehrung des Vierton-Motivs im Kopfsatz von Opus 132 etwa, in höchster Lage der ersten Geige anvertraut, erklingt durchdringend grell), sie sind zugleich aber imstande, jeden Takt zu hinreissend plastischem Leben zu erwecken - vom rasend vibrierenden fugierten Finale des dritten "Razumovsky"-Quartetts bis zur ergreifenden Verinnerlichung des Lento assai aus Opus 135. Nicht zuletzt ist den Prazáks ihr Einsatz für Seltenheiten von Dvorák, Mahler (Klavierquartett), Martinu und Prokofjew zu danken, nebst der Uraufführung von Pascal Dusapins viertem Quartett. Zu wünschen wäre nunmehr, der zweite Geiger und der Bratschist erhielten wie ihre Kollegen die Möglichkeit, auf einem alten Instrument zu spielen.
Ausgewählte Aufnahmen bei Praga Digitals:
Alban Berg: Opus"3, Lyrische Suite, Anton Webern: Opus 28. PRD 250 161 (1"CD). - Ludwig van Beethoven: Opus 18 N. 2, 3, 6. PRD 250 158 (1"CD), Opus 59. PRD 250 145/146. (2"CD), opp. 127, 131. PRD 250 181 (1"CD), opp. 132, 135. PRD 250 133. (1"CD). - Antonín Dvorák: opp. 51, 106. PRD 250 102 (1"CD), opp. 96, 105. PRD 250 136 (1"CD), opp. 5, 81 (mit Ivan Klánsky). PRD 250 175 (1"CD). - Joseph Haydn: Opus 76 N. 1-3, W."A. Mozart: KV 575, 589, 590, Franz Schubert: D 804, 810. PRD 250 125 (3"CD), Opus 76 4-6. PRD 250 070 (1"CD). - Leos Janácek: Quartette 1 und 2, Violinsonate (mit Sachiko Kayahara). PRD 250 108 (1"CD). - Arnold Schönberg: opp. 7, 10 (mit Christine Whittlesey). PRD 250 112 (1"CD), Quartett D-Dur, Streichtrio, Violinfantasie, Gustav Mahler: Klavierquartett (mit Sachiko Kayahara). PRD 250 168 (1"CD). - Bedrich Smetana: Quartette 1 und 2. PRD 250 128 (1"CD). - Alexander von Zemlinsky: opp. 4, 25, Zwei Sätze. PRD 250 107 (1"CD).
Marc Zitzmann
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